Plenumsveranstaltung A5: Von der Demokratisierung zur Integration? Kunst und Kulturpolitik im Wandel

Plenumsveranstaltung A5:
A5 – Von der Demokratisierung zur Integration? Kunst und Kulturpolitik im Wandel / De la démocratisation à l'intégration ? Arts et politiques de la culture en mutation

 

Zeit: Mittwoch, 26.06.2013: 15.00 – 17.00
Ort: UniS A-122
Organisator/en: Prof. Dr. André Ducret (UNIGE), Lisa Marx (UNIGE), Dr. Olivier Moeschler (UNIL), Miriam Odoni (UNIGE), Dr. Valérie Rolle (UNIL), Natalie Schwarz (UNIL) 
Chair: Dr. Valérie Rolle et Miriam Odoni 

 

 

Beitrag 1:

Zwischen Infarkt und Verzauberung.
Kulturentwicklungen, Teilungen und Integration 

 

 

Referent/in: Prof. Dr. Hans-Peter Meier-Dallach 
Organisation:

Cultur prospectiv / World Drives Association und IB-Hochschule Berlin 

Abstract:

Der Beitrag betrachtet den Kulturprozess seit dem ersten grossen Mikrozensus über das Kulturverhalten in der Schweiz Ende der achtziger Jahre bis heute. Damals stand die Kultur zwar noch vor dem grossen digitalen Sprung, schwamm aber bereits schon im Überfluss von Angeboten: die „Kulturlawine" – siehe auch Knüsels „Kulturinfarkt". Die Kulturentwicklungen spiegelten drei Modelle. Einmal tauchte das Etikett Kultur in vielen Domänen auf, als „Füllsel" und Label-Modell der Kultur. Zur Kulturlawine führte aber das Investitionsmodell: Die Industriegesellschaft wurde verabschiedet; warum nicht in die Kultur als Ersatz der die Industrie, des moribunden Gewerbes, der Landwirtschaft investieren? Und das dritte Modell waren die Kultur-Utopien, das Missionsmodell: Kultur war kontestativ, kritisch, engagiert, aktionistisch.
Der Beitrag will aber auch das sprunghafte Wachstum nach dem digitalen Quantensprung aufnehmen und die qualitativen Veränderungen der Kultur deuten. Im Vordergrund steht der Spannungsbogen mit dem Triumph der virtuell getriebenen Kultur auf der einen Seite und den Tendenzen zur (Wieder-)Verzauberung, Schaffung von Abgrenzungen, Distinktion und Inseln, auf der anderen Seite. Das Übermass an Möglichkeiten und Angeboten von Kultur lässt heute zwei entgegengesetzte Pole entstehen. Zum einen Tendenzen zur Implosion: eine Avant-Garde der medialen virtuellen Kultur, eine neue Form der Kulturindustrie (Adorno), eine „Multiplex-Kultur" die entzeitlicht und enträumlicht, mit infarktähnlichen Symptomen und kulturellen „Burn-Outs". Am anderen Pol Bedürfnisse und Leitwerte einer authentischen Kultur, die auf klassische, traditionelle, auf ultimative oder neue Werte rekurrieren: Zunächst als Arrière-Garde wahrgenommen, gelingt dieser Kultur die Wiederverzauberung; die Rückkehr zum Genius loci, Entschleunigung, Hang zur Eremitage und Askese werden zu Bewegungen in der Kultur.
Kultur wird im Spektrum dieser Skala zur Quelle neuer Grenzen und Teilungen in der Gesellschaft, z.B. zwischen den Generationen, einheimischer und immigrierter Bevölkerung, sozialen Schichten, Metropolen, Stadt und Land. Die neue Dynamik der Kultur bietet aber auch Chancen der Kommunikation und Integration, die frühere lokale, nationale und internationale Grenzen radikal überschreiten. 

Bibliographie:

Ducret, André, Moeschler, Olivier (Hrsg.). 2011. Nouveaux regards sur les pratiques culturelles. Paris: L'Harmattan (Coll. Logiques sociales).

Fröhlich, Gerhard, Rehbein, Boike. 2009. Bourdieu – Handbuch. Stuttgart und Weimar: Verlag J.B. Metzler.

Haselbach, Dieter, Klein, Armin, Knüsel, Pius, Optiz, Stephan. 2012. Der Kulturinfarkt. Von Allem zu viel und überall das Gleiche. Eine Polemik über Kulturpolitik, Kulturstaat, Kultursubvention. München: Knaus Verlag.

Lipp, Wolfgang (Hrsg.). 1987. Kulturpolitik : Standorte, Innensichten, Entwürfe, Berlin: Reimer Verlag (Schriften zur Kultursoziologie, Bd. 11, Tagung 'Kulturprozesse, Kulturpolitik"; s. darin auch: Meier-Dallach, Hans-Peter, „Weltweite Kulturprozesse – weltbürgerliche Politik", S. 297-334).

Meier-Dallach, Hans-Peter, Gloor, Daniela. Hohermuth, Susanne, Nef, Rolf. 1991. Die Kulturlawine: Daten, Bilder, Deutungen. Chur und Zürich: Verlag Rüegger.

 

 

Beitrag 2:

Die gesellschaftliche Organisation von Kunst :
Markt und Staat – private und öffentliche Wirkungsbereiche

 

 

Referent/in: Prof. Dr. Tasos Zembylas
Organisation:

Universität f. Musik u. darstellende Kunst (Wien)

Abstract:

Als voraussetzungsvolle Tätigkeit und als Katalysator von sozialen Interaktionen sind Kunstproduktion und -präsentation eingebettet in den globalen Rahmen, den SoziologInnen als „Gesellschaft" bezeichnen. Kunst unterliegt daher trotz beobachtbarer Autonomisierungstendenzen dem Einfluss anderer gesellschaftlicher Sphären – vor allem der Politik. Es gibt keinen historischen Fall, bei dem Staatsgebilde kulturpolitisch nicht aktiv waren und keinen Einfluss auf die Produktion, Distribution, Präsentation und Vermittlung symbolischer Güter genommen hätten.
Kulturpolitik umfasst zudem die politische Gestaltung marktförmiger Tauschbeziehungen im Kunst-sektor. Das heißt, der Staat kann als Ermöglicher von Kulturmärkten gesehen werden. Gleichzeitig ist er (insb. in kontinentaleuropäischen Ländern) als Verwalter von Kulturgütern und Eigentümer von Kulturorganisationen auch ein Marktteilnehmer. Es ist also davon auszugehen, dass Staat und Markt bzw. die verschiedenen Formen der Ressourcenallokation, der Organisation und Bewertung von künstlerischen Prozessen nicht konträre, sondern interdependente Formen sind. Eine solche Inter-dependenz kann mannigfaltig sein und die reale Kulturpolitik, d.h. die Art und Intensität der staatlichen Eingriffe verändert sich parallel zu den politischen Systemen und Staatskonzepten. Die Gründe für kulturpolitische Veränderungen können sowohl pragmatischer als auch ideologischer Natur sein.
Diese skizzierte gesellschaftliche Einbettung der Kunst impliziert, dass Kunst simultan mehrere Funktionen erfüllt: Sie kann zugleich ein Symbol für Zweckfreiheit sein und trotzdem in einem Meer von divergierenden Interessen schwimmen. Sie kann eine Systemkritik artikulieren und zeitgleich in einem bestimmten Zusammenhang systemstabilisierend wirken. Diese Kontextgebundenheit der Kunst erzeugt eine gewisse Kontingenz, die uns herausfordert, Verallgemeinerungen und theorie-geleitete Thesen mit einem kritischen Blick zu „lesen": Die reale Welt, in der Kunst zu Hause ist, ist nicht nur polyphon, sondern auch polyvalent. Daher will ich in meiner Präsentation die Variabilität und Differenz der Kontexte, in welchen Kunst erscheint, behandeln und sie für die soziologische Analyse der Kunst nutzbar machen.

Bibliographie:

Alexander, Jeffrey 1987. „Action and its Environments", in ders. et al. (Hrsg.): The Micro-Macro Link. Berkeley: University of California Press

Boltanski, Luc, Thévenot, Laurent 2007. Über die Rechtfertigung: eine Soziologie der kritischen Urteilskraft. Hamburg: Hamburger Edition

Korinek, Karl, Holoubek, Michael1993. Grundlagen staatlicher Privatwirtschaftsverwaltung. Graz: Leykam

Luhmann, Niklas. 1983 (1969). Legitimation durch Verfahren. Frankfurt a. M.: Suhrkamp

Toulmin, Stephen. 1964. The Uses of Argument. Cambridge: Cambridge University Press

Zembylas, Tasos 2004. Kulturbetriebslehre. Begründung einer Inter-Disziplin. Wiesbaden; VS-Verlag für Sozialwissenschaften

Zembylas, Tasos 2005. „Fairness und Verfahrensstandards in der Kunst- und Kulturverwaltung", in ders. (Hrsg.). Der Staat als kulturfördernde Instanz. Innsbruck: Studien Verlag

 

 

Beitrag 3:

Culture pour tous, culture pour chacun, culture pour personne ?
Politiques culturelles, sociologie des arts et la « désautonomisation » de l'art 

 

 

Referent/in: Dr. Olivier Moeschler
Organisation:

Université de Lausanne

Abstract:

Ces dernières décennies, les arts et la culture ont radicalement changé de visage. Démocratisation, individualisation, massification de la création et des pratiques, technologisation des produits et des canaux, remise en question des prescripteurs traditionnels et redistribution de l'expertise ont changé la donne. Ces bouleversements coïncident avec un double changement dans les politiques culturelles comme, à un autre niveau, dans l'analyse sociologique des arts.
En tant qu'entreprises collectives de stabilisation du cadre de la création, diffusion et réception des œuvres, les politiques culturelles revêtent une importance fondamentale. Elles ont traversé des mutations profondes. De simples mesures de subvention d'institutions considérées comme légitimes en soi, les politiques culturelles inscrivent aujourd'hui les arts et la culture au cœur du tissu sociétal, en attendant un « retour sur investissements » en termes économiques, de marketing urbain, de cohésion voire d'animation sociale. En parallèle à ce processus, la sociologie des arts a elle aussi changé : les « diagnostics culturels » assignant à l'art une position extérieure, que ce soit comme refuge ultime de la critique ou en tant que support opaque de distinction, ont fait place à un paradigme de « l'art dans la société » (Nathalie Heinich), prônant un « repeuplement » délibérément a-critique des mondes de l'art et de leurs multiples intermédiaires et « médiations ».
Cette « désautonomisation » de l'art apporte de possibles écueils, mais aussi des potentiels inattendus. Si l'on constate un gain tant analytique que politique indéniable, dans le sens d'un rapprochement d'avec les pratiques ordinaires, on peut craindre une perte de ce qui faisait précisément, au moins depuis l'autonomisation des champs concernés, la spécificité de l'art : la distance, l'écart, le « jeu » de la création, éminemment fertile et échappant à toute instrumentalisation. Cet exposé se propose de documenter et de comprendre ces deux transformations concomitantes et de réfléchir aux défis qu'elles dessinent, pour les arts et la culture comme pour leur analyse par les sociologues.

Bibliographie:

Adorno, Theodor W. 1989 (1970). Théorie esthétique. Paris : Klincksieck.

Becker, Howard S. 1988 (1982), Les Mondes de l'art, Paris : Flammarion.

Bourdieu, Pierre. 1992. Les Règles de l'art. Genèse et structure du champ littéraire. Paris : Seuil.

Castoriadis, Cornelius. 1977. « L'imaginaire : la création dans le domaine social-historique », in Domaines de l'homme – Les carrefours du labyrinthe II, Paris : Seuil, pp. 219-237.

Ducret, André, Moeschler, Olivier (éd.). 2011. Nouveaux regards sur les pratiques culturelles. Paris: L'Harmattan (Coll. Logiques sociales).

Heinich, Nathalie. 2002. La sociologie de l'art. Paris : La Découverte (Coll. Repères).

Hennion, Antoine. 2007. La passion musicale. Une sociologie de la médiation. Paris : Métailié (Coll. Sciences humaines).

Moeschler, Olivier. 2011. Une politique culturelle en action: l'Etat, les professionnels, les publics. Lausanne : PPUR (Coll. Le Savoir suisse).

Rochlitz, Rainer. 1994. Subversion et subvention. Paris : Gallimard.

X