Warning: Creating default object from empty value in /var/opt/vhosting/edu/sgs-kongress2013/www/plugins/system/advancedmodules/modulehelper.php on line 319 Plenumsveranstaltung C3: Kapitalismus und (Post-)Demokratie – Krisenszenarien der Gegenwart

Plenumsveranstaltung C3: Kapitalismus und (Post-)Demokratie – Krisenszenarien der Gegenwart

Plenumsveranstaltung C3:
C3 – Kapitalismus und (Post-)Demokratie – Krisenszenarien der Gegenwart

 

Zeit: Freitag, 28.06.2013: 09.00 - 11.00
Ort: UniS A-122
Organisator/en: PD Dr. Dietmar J. Wetzel 
Chair: PD Dr. Dietmar J. Wetzel 

 

 

Beitrag 1:

Demokratie und post-identitäre Proteste 

 

 

Referent/in: Prof. Dr. Oliver Marchart 
Organisation:

Kunstakademie Düsseldorf 

Abstract:

In Debatten um die sogenannte Post-Demokratie wird oft ausgeblendet, dass viele der antikapitalistischen Proteste, die ihren Höhepunkt in den vergangenen beiden Jahren hatten, auf die Demokratisierung der Demokratie zielen. Zugleich können viele der jüngsten sozialen Bewegungen als post-identitär charakterisiert werden, denn sie unterwerfen ihre eigene Identität, ihre Ziele, ihre Strategien und Subjektivierungsformen einem Prozess der Selbst-Infragestellung, womit neue Formen bewegungsinterner Demokratie erprobt werden. Die Zeiten radikaler identity politics, also dem Einigeln in der eigenen partikularen Identität, scheinen vielerorts vergangen. Das wohl historisch erste, mit Sicherheit aber prominenteste Beispiele für eine post-identitäre soziale Bewegung sind die mexikanischen Zapatisten, deren Slogan nicht zufällig lautet: pregundando caminamos - fragend schreiten wir voran. Ihr politisches Ziel besteht nicht in der Anrufung eines homogenen Protestkollektivs. Eher scheinen sie auf der Suche nach der Gemeinschaft derer, die nichts anderes gemein haben als ihre je unterschiedliche Exklusionserfahrung. Ähnlich hat die Queer-Bewegung die Infragestellung festgezurrter Identitäten geradezu zum politischen Programm erhoben. Auch die Debatten in der EuroMayDay-Bewegung der Prekarisierten sind von der ständigen Thematisierung und Infragestellung der selbstproduzierten Ein- und Ausschlüsse gekennzeichnet. Und schließlich haben die jüngsten Demokratisierungsbewegungen wie Occupy und Democracia real Ya bereits von der globalisierungskritischen Bewegung erprobte Prozeduren weiterentwickelt, um die eigene Identität fließend und die Bewegungsgrenzen offen zu halten. Der Vortrag wird diesen Veränderungen im Selbstverständnis von Protestbewegungen nachgehen und deren demokratiepolitische Implikationen ausloten. Er stützt sich dabei auf die Ergebnisse eines Forschungsprojekts zur EuroMayDay-Bewegung, das an der Universität Luzern zwischen 2006 und 2012 durchgeführt wurde. 

Bibliographie:

Haunss, Sebastian (2004): Identität in Bewegung: Prozesse Kollektiver Identität bei den Autonomen und in der Schwulenbewegung, Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.

Kevin McDonald (2006): Global Movements: Action and Culture, London: Blackwell.

 

 

Beitrag 2:

Die Finanzialisierung intergenerationaler Beziehungen und die Moralisierung des Kapitalismus 

 

 

Referent/in: Prof. Dr. Andreas Langenohl 
Organisation:

Justus-Liebig-Universität Gießen 

Abstract:

Der Vortrag setzt sich zum Ziel, die Diskussion um die moralischen Grundlagen des Kapitalismus fortzuführen. Laut Boltanski und Chiapello ist es der „Geist" des Kapitalismus, d.h. eine legitime Ordnung von Ressourcenverteilungen, die moralischen Ressourcen generiert, die der Kapitalismus als rein ökonomische Form nicht hervorbringen könnte. Jedoch sind es nicht nur die von Boltanksi und Chiapello untersuchten Umwertungen beruflicher Erwerbsverhältnisse, auf die sich ein solcher Geist bezieht, sondern auch andere Formen ökonomischen Ressourcentransfers. Einer dieser Formen widmet sich der Vortrag vertiefend: dem intergenerationalen Transfer von Ressourcen innerhalb von Familien oder familienähnlichen Strukturen um die Momente von Hinfälligkeit und Tod herum. Unterstützt durch sozialpolitische Zielsetzungen involviert intergenerationale Sorge und Umverteilung zunehmend kapitalistische, und insbesondere finanzökonomische, Investitionsinstrumente und Umverteilungsmodalitäten, etwa in Form von privaten und kapitalmarktbezogenen Lebens-, Renten-, Altersvorsorge- und Pflegeversicherungen. Dies hat jedoch, so das Hauptargument des Vortrags, nicht nur eine nationalökonomische, sondern auch eine moralökonomische Bedeutung. Denn dadurch, dass der intergenerationale Transfer von Ressourcen, in dem einer der wichtigsten ökonomischen Umverteilungsmechanismen der Gegenwart zu sehen ist (Deutschmann 2005), sich um Momente von Hinfälligkeit, Bedürftigkeit und schließlich des Lebensendes herum organisiert, wird der Moment des Todes zu einem der zentralen Schauplätze in gegenwärtigen kapitalistischen Gesellschaften wie auch zu einer immer brennenderen Gerechtigkeits- und Moralitätsfrage. In konzeptioneller Hinsicht verbindet der Vortrag die économie des conventions, die die kulturelle Codierung ökonomischer Rechtfertigungsordnungen herausarbeitet, mit anthropologischen Untersuchungen der Verwendung von Finanzmitteln (etwa Zelizer 1994, 2011). Empirisch stützt sich der Vortrag auf qualitative Interviews zur Inanspruchnahme von Finanzberatung durch Privatanleger in Deutschland wie auch auf eine Analyse entsprechend angebotener Finanzprodukte sowie Ratgeberdiskurse, die sich mit Fragen von Pflege und (Vor-)Sorge befassen. 

Bibliographie:

Boltanski, Luc/Chiapello, Ève (2005): The New Spirit of Capitalism. London: Verso.

Deutschmann, Christoph (2005): Finanzmarkt-Kapitalismus und Wachstumskrise. In: Windolf, Paul (Hg.): Finanzmarktkapitalismus. Analysen zum Wandel von Produktionsregimen. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften, S. 58-84.

Dubiel, Helmut (1994): Der nachliberale Sozialcharakter. In: ders.: Ungewissheit und Politik. Frankfurt a.M.: Suhrkamp, 119-150.

Glick Schiller, Nina/Basch, Linda, Szanton Blanc, Christina (1995): From Immigrant to Transmigrant. Theorizing Transnational Migration. In: Anthropological Quarterly, Heft 1 (1995), S. 48-63.

Harrington, Brooke (2008): Pop Finance: Investment Clubs and the New Investor Populism. Princeton und Oxford: Princeton University Press.

Langenohl, Andreas (2007): A Critique of Organizational Capitalism: The Enabling Fiction of Market Efficiency in Financial Professionals' Narratives, in: Laurent Bazin et al. (Hg.): La mondialisation au risque des travailleurs. Paris: L'Harmattan, 2007, S. 219-242.

Langley, Paul 2008: The Everyday Life of Global Finance: Saving and Borrowing in Anglo-America. Oxford/New York: Oxford University Press.

Martin, Randy (1994): The Financialization of Everyday Life.
Zelizer, Viviana A. (1994): The Social Meaning of Money: Pin Money, Paychecks, Poor Relief, & Other Currencies. New York: Basic Books, 1-35.

Zelizer, Viviana (2011): Economic Lives: How Culture Shapes the Economy. Princeton/Oxford: Princeton University Press.

 

 

Beitrag 3:

Steuerwettbewerb und Exit-Optionen als Herausforderungen für die (Post-)Demokratie 

 

 

Referent/in: Prof. Dr. Michael Nollert 
Organisation:

Université de Fribourg 

Abstract:

Dem Konzept der Postdemokratie zufolge werden politische Entscheidungen zunehmend von Bedürfnissen privilegierter ökonomischer Akteure (Grossunternehmen, Eliten) bestimmt. Dass wirtschaftliche Machtkonzentration die Demokratie bedroht, ist an sich keine neue These. So schrieb schon Louis D. Brandeis (1856-1941): „We can have democracy in this country, or we can have great wealth concentrated in the hands of a few, but we can't have both." Auch für die Ordoliberalen (Eucken, Rüstow) war klar, dass die Demokratie vor marktmächtigen Unternehmen zu schützen sei. Neu sind indes strukturelle Rahmenbedingungen, die es Konzernen, Topmanagern und Superreichen mehr denn je erlauben, demokratisch legitimierte Entscheidungen durch Exitandrohung und/oder Migration in Steuerparadiese zu unterlaufen. Sowohl Brandeis als auch die Ordoliberalen erlebten noch, dass demokratische Staaten die Marktwirtschaft und den Sozialstaat vor mächtigen Unternehmen schützten. Inzwischen scheinen viele Staaten indes nicht mehr fähig oder gewillt, insbesondere global agierende, mobile Unternehmen und Wohlhabende zu disziplinieren. Im Gegenteil: Der Theorie des „Weltmarkts für Protektion" zufolge protegieren Staaten im Hinblick auf die Maximierung ihres Steuersubstrats ihre "nationalen Champions", wobei insbesondere kleine politische Gemeinwesen immer mehr selbst zu Unternehmen mutieren, die Unternehmen und vermögende natürliche Personen möglichst geringe Tribute für ihre Leistungen abfordern. Zentrale Akteure sind in diesem politischen Setting, das extreme Einkommens- und Vermögenskonzentration begünstigt, nicht mehr Verbände, Parteien, Gewerkschaften oder soziale Bewegungen, sondern Lobbyisten von Unternehmen, die Exitdrohungen artikulieren und massenmedial zelebrierte Politstars sowie Wohlhabende, die unliebsame Massnahmen mit einem Exit beantworten. Dabei gilt u.a. zu beachten, dass das Exitpotenzial wirtschaftlicher Akteure unterschiedlich stark ist, dass nicht bei allen Managern globaler Unternehmen eine Erosion der Loyalität zum nationalen Herkunftskontext zu beobachten ist und die Steuersenkungspolitik seit der Finanzkrise an Legitimität einbüsst. 

Bibliographie:

Nollert, Michael/Schief, Sebastian (2011) Preventing the Retrenchment of the Welfare State: Switzerland´s Competitiveness in the World Market for Protection, Competition & Change, Vol. 15 No. 4, pp. 315-335.

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