Workshop A02: Bildungssysteme und Bildungsungleichheiten

Workshop A02:
A02 – Bildungssysteme und Bildungsungleichheiten

 

Zeit: Donnerstag, 27.06.2013: 13.30 – 15.30
Ort: HG 106
Organisator/en: Prof. Dr. Andreas Hadjar und Dr. Christiane Gross 
   

 

 

Beitrag 1:

Der Einfluss der kantonsspezifischen Bildungssysteme auf die Stärke der primären und sekundären Herkunftseffekte in der Schweiz 

 

 

Referent/in: Benita Combet 
Organisation:

Universität Bern

Abstract:

Verschiedene internationale Studien haben sich mit dem Einfluss institutioneller Settings auf die Bildungsungleichheit beschäftigt (vgl. den Überblicksartikel über den bisherigen Stand von Van de Werfhorst und Mijs 2010). Ländervergleiche bergen jedoch das Problem, dass weitere länderspezifische Eigenheiten, welche die Bildungsungleichheit beeinflussen, nur schwer kontrolliert werden können. Gründe dafür liegen darin, dass diese Variablen entweder nicht bekannt sind oder aufgrund der geringen Fallzahl an Makrobeobachtungen eine Kontrolle aller kritischen Drittvariablen (z.B. wohlfahrtsstaatlicher Massnahmen) nicht möglich ist (sogenannte Small-N-Problematik). Darüber hinaus besteht oft eine hohe Multikollinearität zwischen der Ausgestaltung des Bildungs- und der Ausgestaltung des Wohlfahrtssystems eines Landes, was die Separierung der Effekte des Bildungssystems von anderen Makrofaktoren verunmöglicht. Die dadurch hervorgerufene unbeobachtete Heterogenität kann zu verzerrten Schätzern führen, wenn versucht wird, länderübergreifend den Einfluss institutioneller Designs auf die Bildungsungleichheit abzuschätzen. Eine Möglichkeit, diese Problematik zu verringern, besteht darin, verschiedene institutionelle Arrangements in einem einzigen Land zu betrachten.
Der Einfluss der kantonalen Bildungsinstitutionen auf die Chancenungleichheit wurde bislang einzig von Bauer und Riphahn (2006) analysiert. Zudem schlagen Van de Werfhorst und Mijs in ihrem Überblick (2010: 413) vor, den Einfluss der strukturellen Ausgestaltung des Bildungssystems auf die Stärke der primären und sekundären Effekte der sozialen Herkunft (vgl. Boudon 1974) zu untersuchen. Daher bietet sich eine Analyse des Einflusses der kantonalen Bildungssysteme auf das Ausmass der primären und sekundären Herkunftseffekte in verschiedenen Schweizer Kantonen an. Insbesondere ermöglicht dieses Design näherungsweise, dass die Effekte der kantonal variierenden Bildungssysteme von den innerhalb der Schweiz relativ konstant gehaltenen wohlfahrtsstaatlichen Arrangements separiert werden können.
Eine Dekompositionsanalyse von Neugebauer (2010) für spezifische Bundesländer Deutschlands zeigt, dass unverbindliche Schulempfehlungen bei der 1. Transition zu einer Vergrösserung des sekundären Herkunftseffektes führen. Ich werde in meinem Beitrag mit den PISA 2000-Daten sowie den daran anschliessenden TREE-Daten die Wirkung weiterer struktureller Merkmale (das Ausmass des Trackings, der Zeitpunkt des Trackings, die Durchlässigkeit zwischen den Tracks) auf die Bildungsungleichheit untersuchen. Zu diesem Zweck soll der Einfluss der sozialen Herkunft und der schulischen Leistung eines Kindes auf seine Schullaufbahn entsprechend der Methode von Karlson et al. (2010) in den primären und sekundären Herkunftseffekt dekomponiert werden. 

Bibliographie:

Bauer, Philipp; Riphahn, Regina. 2006. Timing of school tracking as a determinant of intergenerational transmission of education. Economics Letters, 91, 90-97.

Boudon, Raymond 1974. Education, Opportunity, and Social Inequality. Changing Prospects in Western Societies. New York: Wiley.

Karlson, Kristian; Holm, Anders; Breen, Richard. 2010. Comparing Regression Coefficients Between Models using Logit and Probit. A New Method. http://www.yale.edu/ciqle/Breen_Scaling%20effects.pdf (letzter Zugriff: 15.02.13).

Neugebauer, Martin. 2010. Bildungsungleichheit und Grundschulempfehlung beim Übergang auf das Gymnasium. Eine Dekomposition primärer und sekundärer Herkunftseffekte. Zeitschrift für Soziologie, 39, 202-214.

Van de Werfhorst, Herman; Mijs, Jonathan 2010. Achievement Inequality and the Institutional Structure of Educational Systems. A Comparative Perspective. Annual Review of Sociology, 36, 407-428.

 

 

Beitrag 2:

Bildungssysteme, soziale Herkunft und geringe Lesekompetenz 

 

 

Referent/in: Dennis Köthemann 
Organisation:

Universität Osnabrück 

Abstract:

Bereits seit geraumer Zeit beschäftigt sich die Forschung zu Bildungsungleichheiten mit der Frage, welchen Einfluss die soziale Herkunft auf den Erwerb von Bildung hat. Dabei wurden durch Allmendinger (1989) die Standardisierung und die Stratifizierung des Bildungssystems als wichtige institutionelle Charakteristiken eingeführt. Insbesondere die PISA-Studie hat verdeutlicht, dass nicht nur Zertifikate eine wichtige Rolle spielen, sondern Bildung sich auch auf den Erwerb von Basiskompetenzen wie Lesekompetenz, um die es in diesem Beitrag geht bezieht (Deutsches PISA-Konsortium 2001).
Der Stratifizierung des Bildungssystems wird vielfach mit der Verstärkung des Effekts der sozialen Herkunft auf Basis- bzw. Lesekompetenzen in Verbindung gebracht (Brunello & Checchi 2007, Hanushek & W ößmann 2006, Horn 2009, Marks 2005). Folgt man anderen Studien, mindert die Standardisierung des Bildungssystems den Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Basis- bzw. Lesekompetenzen (Horn 2009, Park & Kyei 2011, Wößmann 2008). Die meisten Studien beziehen sich jedoch auf die Lesekompetenz von Schülern, die höchstens 15 Jahre alt sind, wobei zweifelhaft ist, ob in diesem Alter Effekte des Bildungssystems schon vollends sichtbar werden (Van de Werfhorst & Mijs 2010, S. 418).
Um mögliche Effekte von Standardisierung und Stratifizierung des Bildungssystems weitergehend sichtbar zu machen, nutzt dieser Beitrag Mehrebenenanalysen anhand des International Adult Literacy Surveys bei 26-35-Jährigen in 20 Ländern. Der Fokus liegt dabei auf geringer Lesekompetenz, da sich diese in der Bewältigung des gesellschaftlichen Alltags als besonders problematisch erweist. Auf der individuellen Ebene werden neben der sozialen Herkunft, das Geschlecht, der Migrationshintergrund und der höchste Bildungsabschluss sowie Terme zu „Intersektionalitäten" (Gottburgsen & Gross 2012) berücksichtigt. Die empirischen Ergebnisse stützen primär die Wichtigkeit der Standardisierung des Bildungssystems. 

Bibliographie:

Allmendinger, Jutta. 1989. "Educational systems and labor market outcomes." European Sociological Review 5 (3): 231-250.

Brunello, Giorgio und Daniele Checchi. 2007. "Does school tracking affect equality of opportunity? New international evidence." Economic Policy 22 (52): 781-861.

Deutsches PISA-Konsortium (Hg.). 2001. PISA 2000. Basiskompetenzen von Schülerinnen und Schülern im internationalen Vergleich. Opladen: Leske + Budrich.

Gottburgsen, Anja und Christiane Gross. 2012. "Welchen Beitrag leistet „Intersektionalität" zur Klärung von Kompetenzunterschieden bei Jugendlichen?", 86-110, in Soziologische Bildungsforschung, Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie Sonderheft 52, herausgegeben von Rolf Becker und Heike Solga. Wiesbaden: Springer VS.

Hanushek, Eric A. und Ludger W ößmann. 2006. "Does Educational Tracking Affect Performance and Inequality? Differences- in-Differences Evidence Across Countries." The Economic Journal 116 (510): C63-C76.

Horn, Daniel. 2009. "Age of selection counts: a cross-country analysis of educational institutions." Educational Research and Evaluation 15 (4): 343-366.

Marks, Gary N. 2005. "Cross-National Differences and Accounting for Social Class Inequalities in Education." International Sociology 20 (4): 483-505.

Park, Hyunjoon und Pearl Kyei. 2011. "Literacy Gaps by Educational Attainment: A Cross-National Analysis." Social Forces 89 (3): 879-904.

Van de Werfhorst, Herman G. und Jonathan J.B. Mijs. 2010. "Achievement Inequality and the Institutional Structure of Educational Systems: A Comparative Perspective." Annual Review of Sociology 36 (1): 407-428.

Wößmann, Ludger. 2008. "Zentrale Abschlussprüfungen und Schülerleistungen. Individualanalysen anhand von vier internationalen Tests." Zeitschrift für Pädagogik 54 (6): 810-826.

 

 

Beitrag 3:

Kann berufliche Weiterbildung die Einkommensunterschiede von Hochschulabsolventen kompensieren? 

 

 

Referent/in: Judith Klink 
Organisation:

Bayerisches Staatsinstitut für Hochschulforschung und –planung (IHF)

Abstract:

Der deutsche Arbeitsmarkt ist stark fachlich sowie qualifikationsspezifisch segmentiert und bietet unterschiedliche Beschäftigungs- und Einkommenschancen. Dabei sind Akademiker privilegiert. Ihre Arbeitslosenquote ist gering, sie erzielen höhere Einkommen und sind adäquater beschäftigt als andere Qualifikationsgruppen (Allmendinger/Schreyer 2005). Dennoch gibt es auch zwischen Hochqualifizierten Unterschiede hinsichtlich des Berufseinstiegs und der weiteren Arbeitsmarktchancen. So führen frauendominierte Studienfächer zu geringeren Einkommenschancen als männerspezifische Fächer (Leuze/Strauß 2009). Aber auch eine geschlechtsuntypische Studienfachwahl schützt Absolventinnen nicht vor Benachteiligungen auf dem Arbeitsmarkt (Plicht/Schreyer 2002).
In diesem Zusammenhang stellt sich die Frage, ob berufliche Weiterbildung dazu genutzt werden kann, die Lohnunterschiede zwischen den Geschlechtern zu verringern? Obwohl Hochschulabsolventen besonders weiterbildungsaffin sind, existieren bisher kaum empirische Arbeiten, die sich mit ihren Weiterbildungserträgen befassen. Anhand von humankapital-, signal- und segmentationstheoretischen Argumenten werden die Einkommenseffekte beruflicher Weiterbildung auf Basis des Bayerischen Absolventenpanels (BAP) untersucht. Diese Längsschnittdaten umfassen ein detailliertes Weiterbildungs- und Erwerbskalendarium für die ersten Berufsjahre nach dem Examen. Dabei erfordert die Ermittlung des kausalen Weiterbildungseffekts die Anwendung besonderer methodischer Verfahren. Zur Kontrolle des Selektionseffektes kommen insbesondere Fixed-Effects-Modelle zum Einsatz. Insgesamt zeigen sich nur geringe Einkommenseffekte von Weiterbildungsmaßnahmen. Die Ergebnisse deuten insgesamt nicht auf Nachteile von Hochschulabsolventinnen hinsichtlich ihrer Weiterbildungserträge hin. Durch die Weiterbildungsteilnahme werden die Einkommensunterschiede von Hochschulabsolventen nur in geringem Umfang kompensiert. Allerdings scheinen der Abschluss einer Promotion und Arbeitgeberwechsel einen stärkeren Einfluss auf das Einkommen zu haben als Weiterbildungsaktivitäten. 

Bibliographie:

Allmendinger, Jutta; Schreyer, Franziska. 2005. Arbeitsmarkt. Hochqualifizierte im Dauerhoch. Nürnberg: IAB-Forum 2: 22-27.

Leuze, Kathrin; Strauß, Susanne. 2009. Lohnungleichheiten zwischen Akademikerinnen und Akademikern. Der Einfluss von fachlicher Spezialisierung, frauendominierten Fächern und beruflicher Segregation. Zeitschrift für Soziologie 38: 262-281.

Plicht, Hannelore; Schreyer, Franziska. 2002. Ingenieurinnen und Informatikerinnen. Schöne neue Arbeitswelt? Nürnberg: IAB-Kurzbericht 11/2002.

 

 

Beitrag 4:

Weniger Wahlfreiheit, mehr Gerechtigkeit? Ein natürliches Experiment zu sozialen und ethnischen Unterschieden bei Bildungsentscheidungen 

 

 

Referent/in: Jörg Dollmann 
Organisation:

Universität Mannheim

Abstract:

Zum Einfluss institutioneller Rahmenbedingungen auf soziale und ethnische Disparitäten im Bildungserfolg ist bislang noch vergleichsweise wenig bekannt. Neben der generellen Frage nach den konkreten Wirkmechanismen wird dabei insbesondere außer Acht gelassen, ob sich institutionelle Settings in ähnlicher Weise auf verschiedene Ungleichheitsdimensionen wie beispielsweise „soziale Herkunft" oder „Migrationshintergrund" auswirken. Derartige Fragen sind zentral, um den Erfolg bildungspolitischer Reformbemühungen vorhersagen zu können und um gegenläufige Effekte für unterschiedliche benachteiligte Gruppen zu vermeiden.
In der vorliegenden Untersuchung soll der Frage nachgegangen werden, welchen Einfluss eine variierende Verbindlichkeit der Bildungsempfehlung am Ende der Grundschulzeit auf soziale und ethnische Disparitäten hat. Hierzu werden bislang einzigartige Daten aus Nordrhein-Westfalen herangezogen, wo sich die Verbindlichkeit der Bildungsempfehlung im Zuge eines Regierungswechsels im Sinne eines natürlichen Experiments zwischen zwei Übergangskohorten geändert hat.
Hinsichtlich der Ungleichheitsdimension „soziale Herkunft" lässt sich zeigen, dass ein verbindliches Lehrerurteil dazu beitragen kann, soziale Unterschiede beim ersten Bildungsübergang zu reduzieren. Die – wenngleich ebenfalls sozial selektiven – Lehrerurteile hebeln dabei die noch selektiveren Elternwünsche aus. Eine verbindliche Übergangsregelung mit einer besonderen Betonung der schulischen Leistungen scheint sich im Gegenzug aber nachteilig auf die vielfach nachgewiesenen, optimistischen Bildungswünsche und -übergänge von Migrantenfamilien auszuwirken, deren Kinder häufig weniger gute Schulleistungen erbringen. Letztlich könnten also Reformbemühungen, die an der Verbindlichkeit der Grundschulempfehlung ansetzen, eine Art Nullsummenspiel darstellen, da je nach konkreter Ausgestaltung der (Un-)Verbindlichkeit soziale Unterschiede abgeschwächt und ethnische Disparitäten betont werden (oder umgekehrt). 

 

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